Denkt man in einem künstlerischen Zusammenhang an Zeichnungen, dann sind in aller Regel Werke gemeint,
die ihre Entstehung der zeichnenden Hand eines Künstlers verdanken. Die sich aus einzelnen Strichen aufbauende Zeichnung,
die Linien, die als Spuren eines Stiftes auf einem Bogen Papier zurückbleiben, sind auch dann Zeichnungen, wenn der Stift
nicht von einem Künstler, sondern von einer Maschine (einem Plotter) geführt wird. Es ist klar, daß dafür
ein Programm notwendig ist, das konzipiert und getestet werden muß, ehe es für die Ausführung bereitsteht.
Der einfachste Fall für eine maschinengezeichnete Linie ist der von einem definierten Punkt ausgehende gerade Strich.
Verbindet man mehrere gerade Striche miteinander, entsteht eine polygonale Linie. Bei der Betrachtung eines derartigen
Polygonzuges erschließen sich einige seiner wichtigen Eigenschaften (Parameter) für die Beschreibung (Programmierung)
von beliebigen Polygonzügen rasch: Die Anzahl der Segmente, aus welchen sich der Linienzug zusammensetzt; die Winkel,
die an den Knickpunkten auftreten; die relativen Längen der einzelnen Abschnitte zueinander; der Anfangswinkel
gegenüber einer gedachten Achse, die Gesamtlänge des Polygonzuges usw..
Der überwiegende Teil, der auf dieser Web-Site gezeigten Zeichnungen verwendet Polygonzüge.
Die Zeichnungen entstehen "algorithmisch", also durch ein Programm.
Die Striche zeichnende Hand erzeugt Zeichnungen in einem Universum bildnerischer Möglichkeiten - nennen wir es
H-Universum. Ebenso gibt es ein Universum der maschinenerzeugten Zeichnungen, ein M-Universum. Beide haben
eigene Charakteristika und beide sind unerschöpflich mächtig und reichhaltig.
Für die freie Hand gilt:
- kein Strich gleicht dem anderen. Nur mit höchster Konzentration sind identische Striche machbar
- auch bei einem sehr eng gefassten "Programm" für die Hand gibt es unzählige Möglichkeiten
geringer Abweichungen davon, die in ihrer Summe für das Ergebnis bedeutend werden
- die Lage des Stiftes zum Papier, die Geschwindigkeit des Ziehens, Stoßens, Reibens usw., die
unterschiedlichen Andruckverhältnisse, die Mechanik und die Motorik der Hand - sie erzeugen
weite Bereiche des Ausdrucks, die sich in geometrischen Beschreibungen nur schwer fassen
lassen
- die Striche zeichnende Hand arbeitet unter der Kontrolle des Auges, welches eine
direkte Rückkopplung ermöglicht. Das Spektrum dieser Rückkopplung reicht von der rationalen
Kontrolle über jeden Strich bis hin zur völlig gedämpften Wahrnehmung einer Gesamtheit des
Tuns und bleibt dennoch als Rückkopplung wirksam
- die Hand ermüdet
Für die zeichnende Maschine gilt:
- sie ist unermüdlich, präzise, schnell
- sie arbeitet mit gleichbleibender Regelmäßigkeit. Ihr zig-tausendster Strich ist genau gleich
wie der erste Strich
- Unregelmäßigkeiten sind materialbedingt (z. B. Risse im Papier, zu geringe Saugfähigkeit
des Papiers,eingetrockneter Stift usw.)
- Auflagedruck, Ziehgeschwindigkeit und die Lage des Stiftes zum Papier sind stets gleich
- ein Algorithmus steuert den Stift. Dieser Algorithmus wird blind abgearbeitet. Erst wenn der
letzte Strich gezeichnet ist, kann das Ergebnis überprüft und bewertet werden
- die zeichnende Maschine kann das Ergebnis selbst nicht überprüfen
Zwischen die Idee und das Ergebnis schiebt sich bei der maschinenerzeugten Zeichnung das
Programm. Der "Widerstand des Materials" ist für die geplottete Linie sehr viel höher als für die
mit der Hand gezeichnete Linie.
Will man etwa das Thema " Von Ordnung zu Unordnung zu Ordnung" zeichnerisch darstellen, so
muß man sich vergegenwärtigen, welche Veränderungen an Ordnung schließlich zu Unordnung
führen können. Die Abfassung eines Programms zwingt zur Präzision und fördert Erkenntnisse
über die Wirkung der eingesetzten Mittel.
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